5. November 2011 Alexander Süßmair, MdB - Vor Ort - Kaufbeuren
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Internationalen Jahr der Wälder in Kaufbeuren wurde am 5. November 2011 der KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter der Lager Riederloh und Steinholz gedacht. DIE LINKE hatte diesen Termin vorbereitet und als Hauptredner den schwäbischen Bundestagsabgeordneten Alexander Süßmair eingeladen. Bürger und Bürgerinnen aus dem Umfeld des BUND, der lokalen Agenda21 Arbeitsgruppe Klimaschutz und weiterer örtlicher Initiativen hatten ebenfalls teilgenommen.
Das Jahr 2011 wurde von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Wälder erklärt, um weltweit die herausragende Bedeutung aller Arten von Wäldern bewusst zu machen - die der natürlichen Urwälder, ebenso wie die der bewirtschafteten Wälder, wobei hier die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung die zentrale Forderung ist.
Auf der ganzen Welt fanden hierzu die verschiedensten Veranstaltungen statt. Auch hier in Kaufbeuren gab es eine Veranstaltungsreihe, die von den Personen, Gruppen und Parteien organisiert wurde, die sich gegen einen Ausbau des Reifträgerweges und damit für den Erhalt des Waldes zwischen Neugablonz und Germaringen einsetzen.
Neben den ökologischen und wirtschaftlichen Aspekten der Wälder, haben diese auch eine Bedeutung als Naherholungsraum, als touristischer Erholungsraum und als Teil der Kultur und Geschichte. Ein sehr dunkles Kapitel unserer deutschen Geschichte stand im Mittelpunkt der Veranstaltung am 5. November. Erinnert wurde an die Opfer des Hitlerfaschismus, die hier in dieser Gegend gequält, geschundenen, versklavt, verletzt und ermordet wurden. Die Verbrechen der Nazis geschahen eben nicht irgendwo, weit weg und heimlich, sondern ganz nah, über ganz Deutschland und die besetzten Gebiete verteilt, massenhaft und offen. Viele schauten damals weg. Es gab in dieser Gegend, im heutigen Bereich Neugablonz, Steinholz, Mauerstetten zwei Lager, das Zwansarbeiterlager Riederloh und das KZ-Außenlager Steinholz, auch Riederloh II genannt.
Alexander Süßmair erklärte auf der Gedenkveranstaltung: "Wir sind es den Opfern schuldig, dass wir uns an sie erinnern. Wir alle haben gleichzeitig eine Verantwortung dafür, dass solche barbarischen Verbrechen nie wieder geschehen. Somit ist dieser Wald hier auch ein immer währender Erinnerungswald an den täglichen Leidensweg der Nazi-Opfer. Wir sind der Meinung, dass dies auch ein wichtiger Grund ist, diesen Wald nicht zu roden und die Fläche nicht zu bebauen."
Nach dem Beginn des 2. Weltkrieges benötigten die Nazis Arbeitskräfte, die vor allem in der Rüstungsindustrie eingesetzt wurden, um dort die für den Krieg notwendige Produktion aufrecht zu erhalten. Zunächst wurde Freiwillige angeworben - mit falschen Versprechungen und Lügen. Da aber zu wenige freiwillig kamen, wurden bald hundertausende zur Arbeit gezwungen. Zum Teil waren es Kriegsgefangene, aber auch ganz normale Bürgerinnen und Bürger. Männer und Frauen wurden in ihren Heimatländern von der Straße weggefangen, also entführt und nach Deutschland verschleppt.
Sehr früh schon, ab 1939, wurde das Lager Riederloh errichtet, wo nach der Fertigstellung ab 1941 vor allem Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion untergebracht waren. Später kamen italienische Kriegsinternierte dazu. Im Sommer 1944 waren etwa 850 Männer und Frauen untergebracht. Das Barackenlager befand sich auf dem Gebiet des heutigen Neugablonz und wurde von der Dynamit AG betrieben. Dort mussten die Zwangsarbeiter auch arbeiten, außerdem bei der Momm AG und in anderen Betrieben. Wöchentliche Arbeitszeiten bis 72 Stunden waren üblich. Auf Arbeitsschutz wurde kein Wert gelegt. Sie waren giftigsten Chemikalien ausgesetzt. Die Unterbringung war sehr schlecht, die Versorgung mit Essen kärglich. Es kam zu Todesfällen.
Außerdem wird berichtet, dass psychisch kranke Arbeiter aus dem Lager Riederloh oder Menschen, die einen Nervenzusammenbruch erlitten hatten, in die sog. Pflege- und Heilanstalt Kaufbeuren-Irsee gebracht und dort ermordet wurden.
Ab September 1944 wurde mit dem Bau einer neuen Fabrik für Munition (Zündhütchen) der Dynamit AG begonnen. Hierzu wurde ein Außenlager des KZ Dachau eingerichtet, das Lager Steinholz oder Riederloh II. Anfang September 1944 kamen 922 Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt über das KZ Auschwitz als Zwischenstation ins Lager Steinholz. Etwas später kamen 100 ungarische Juden in das Lager, im November dann nochmal 222 jüdische Häftlinge vom Außenlager Kaufering nach Steinholz. Insgesamt kamen ca. 1.300 Häftlinge im Lager - vor allem polnische und ungarische Juden.
Gearbeitet haben die KZ-Häftlinge bei der Dynamit AG, der Berliner Baugesellschaft und der Firma Hebel. Sie mussten Erdarbeiten beim Straßen- und Wegebau ausführen oder Gräben für Rohrleitungen ausheben.
Anfangs gab es nicht mal eine Trinkwasserversorgung. Der Zustand der Häftlinge war sehr schlecht. Sie waren unterernährt, wurden misshandelt und hatten nur unzureichende Kleidung. Im Winter ist es gerade im Allgäu sehr kalt. Sehr viele wurden krank. Eine Ruhr- und Thypusepidemie war ausgebrochen. Eine medizinische Versorgung gab es für sie nicht. Wer nicht mehr arbeiten konnte, kam zum Sterben in den sog. „Krepierblock“. Es wird darüber hinaus auch davon berichtet, dass Häftlinge von den Wachen oder auch kriminellen Funktionshäftlingen erschlagen, erschossen, vergiftet, erhängt oder ertränkt wurden.
Als das Lager im Januar 1945 aufgelöst wurde, sollen nur noch 200 bis 300 Häftlinge am Leben gewesen sein, die dann ins KZ Dachau geschickt wurden. Heute erinnert ein Gedenkstein am Massengrab am südwestlichen Ortsrand von Steinholz an die 472 dort begrabenen Opfer.
Durch diesen Wald hier wurden die KZ-Häftlinge jeden Tag morgens vom Lager in Steinholz zu ihrem Arbeitsort, der Baustelle bei der Dynamit AG auf dem Gebiet des heutigen Neugablonz getrieben und am Abend wieder zurück.
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