15. Dezember 2011 Alexander Süßmair, MdB - Rede im Bundestag/Text (zu Ptotokoll gegeben)

Tagesordnungspunkt 26: Beratung des Antrags der Abgeordneten Alexander Süßmair, Dr. Kirsten Tackmann, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE »Rettung einheimischer Rebsorten durch Erhaltungsanbau« – Drucksache 17/7845 


Rettung einheimischer Rebsorten durch Erhaltungsanbau


Viele alte europäische Rebsorten sind aufgrund ihrer geringen kommerziellen Bedeutung vom Aussterben bedroht. Als Kulturgut und genetische Ressource sowie zur Förderung der Biodiversität müssen diese Sorten aber erhalten werden. Hierzu ist der Begriff »Erhaltungssorte« zu definieren. Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, damit ihr Anbau ohne Auflagen und Gebühren möglich wird. Außerdem sollte ihr Anbau in die allgemeine Strukturförderung des Weinbaus auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene aufgenommen werden.

Alexander Süßmair (DIE LINKE):

Der Wein spielt seit Jahrtausenden eine bedeutende Rolle für unsere mediterrane und europäische Kultur. Wein ist seit Jahrtausenden in Europa Lebensmittel, Genussmittel, Kultgegenstand und Rauschmittel. Doch um alte, europäische Rebsorten ist es oft gar nicht gut bestellt. Was aber für die vielen kommerziell kaum genutzten Obstsorten geht, sollte auch bei alten Rebsorten funktionieren: Europa – die Europäische Union – kennt Richtlinien zum Erhalt alter, gefährdeter Obstsorten, die in unseren Regionen die Vielfalt der Landschaften und Speisekarten bereichern. Für deren Erhaltungsanbau sind kostengünstige Lösungen gefunden worden. Für die Rebe jedoch fehlt eine europäische Erhaltungsrichtlinie. Auch auf nationaler Ebene ist die Rebenzüchtung bisher vor allem auf Neuzüchtungen fixiert. Alte, autochthone, also einheimische, Rebsorten fungieren vor allem als mögliche Pollenspender. Mit drei bis sechs Stock je Sorte werden sie in Genbanken erhalten, oft in viruskrankem Zustand. Viruskranke Reben sind nicht praxistauglich.

Kennen Sie Sorten wie Adelfränkisch, Süßschwarz, Heunisch, Grüner Franke oder Roter Veltliner? Von über 10 000 weltweit bekannten Rebsorten sind nur 1 000 zugelassen und für den Anbau freigegeben. Neben den eben genannten hätten auch weitere mehrere Hundert alte einheimische Rebsorten in Deutschland und Europa eine Freigabe verdient. Der Sortenneueintrag, sprich das Zulassungsverfahren, kostet zurzeit fast 5 000 Euro. Der Anbau einheimischer Sorten aber muss hierzulande ohne Gebühren und ohne Auflagen ermöglicht werden. Denn nur so wird züchterische Arbeit erst wieder attraktiv gemacht. So erst könnten die alten Kultursorten wieder Populationsgrößen erreichen, die ein Aussterben unwahrscheinlich machen.

Alle halten gerne Sonntagsreden über Biodiversität. Wenn es denn aber mal konkret wird, dann gilt es als wunderlich und verschroben, sich für seltene Fledermausarten, lokale Apfelsorten oder eben alte Rebsorten starkzumachen. Wir halten den Sortenerhalt für geboten, um somit vielfältige genetische Ressourcen zu bewahren, die darüber hinaus auch als Frucht der menschlichen Arbeit, als kulturelle Güter, schützenswert sind.

Die Linke schlägt daher die Erstellung einer offiziellen Liste alter Rebsorten vor. Der Begriff »Erhaltungssorte« muss geschaffen werden, und alte Rebsorten müssen als Erhaltungssorten klassifiziert werden. Deren Anbau muss freigegeben werden. Für Erhaltungszucht dürfen allenfalls marginale Kosten anfallen, denn Züchter alter einheimischer Sorten verfolgen zumeist kein kommerzielles Interesse.

Schlussendlich plädiere ich für die Aufnahme des Anbaus von Erhaltungssorten in die allgemeine Strukturförderung des Weinbaus auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene. Wenn Neuanlagen in Steillagen gefördert werden, dann kann man auch die Bepflanzung der Steillagen mit Erhaltungssorten bezuschussen.

Alte Weinsorten sind kulturelles Erbe ganz Europas. Eine europäische Erhaltungsrichtlinie für alte Rebsorten wäre ein wichtiger Schritt im Rahmen der Biodiversitätsstrategie 2020 der Europäischen Union. Das könnte durch Deutschland angestoßen werden. Dafür will sich die Linke einsetzten, und wir hoffen auf konstruktive Diskussionen hier im Parlament zu unserem eingebrachten Antrag.